Swissmotor Technik

Verrückt: Aus schwarz wird silberweiss!
Retroreflektierende Folien machen es möglich

Ruedi Baumann

BPZ / Sogenannte „Katzenaugen“ und reflektierende Folien existieren bereits seine halbe Ewigkeit. Rot an Fahrzeugen signalisiert das hintere Ende, gelb die Seite, weiss die Front (ausser bei Polizei- und Rettungsfahrzeugen). Auch an Strassenmarkierpfählen, Signalisationen und dergleichen haben solche Folien längst Einzug gehalten. Länger bekannt sind die silbern hinterlegten „Katzenaugen“. Bei modernen Autos sorgt allein der Prismenschliff im Acrylglas für ein Aufleuchten, sobald Fremdlicht in einem bestimmten Winkel darauf trifft. Relativ neu dagegen sind Tageslicht-Leuchtfolien, wie sie beispielsweise bei Polizei und Rettungsfahrzeugen vorkommen, wobei die Farbe rot nach wie vor ein Sorgenkind der Hersteller ist, weil aus dem wundervollen Leuchtrot ziemlich rasch ein verwaschenes, unansehnliches orange wird.

Rot – ein Sorgenkind

Rot war und ist leider noch immer nicht Ultraviolett-Resistent. Auch lässt der Tageslicht-Leuchteffekt rasch nach. Rot besitzt die leidige Eigenschaft, schnell zu verwittern und „auszukreiden“. Versuche, dieser Verwitterung Einhalt zu gebieten, finden seit unzähligen Jahren statt. Die derzeit praktikabelste Lösung besteht in diversen Schichten von Deck-Klarlacken mit UV-Blockern (Autolackierungen). Das funktioniert auch bei Folien, hat aber den Nachteil, dass die Folien dadurch dicker werden, was wiederum Probleme beim Bekleben von Karosserien aufwirft. Steife Folien passen sich trotz aller Kunstgriffe nur widerspenstig Kanten und runden Karosserieformen an. Aber all diese Folien oder reflektierenden Rücklichter leuchten nur in der Farbe, welche sie ohnehin schon haben. Aber wie zum Kuckuck kann aus der Farbe schwarz plötzlich hell leuchtendes silberweiss werden?

Falsche Bezeichnung

Zuallererst müssen wir einen falschen Begriff berichtigen: „Reflektierend“ ist eine zwar allgemein gebräuchliche, jedoch unrichtige Bezeichnung. Reflektierend sind nur Spiegel (oder Wasseroberflächen). Wir sprechen hier jedoch von einer Retro-Reflektion. All diese Folien oder Acrylgläser sind retro-reflektierend. Sie leuchten erst dann auf, wenn Licht darauf trifft. Soviel allgemein. Licht ist, wenn nicht farbig, immer weiss. Tiefschwarz ist jedoch die einzig vorkommende Farbe, die jegliches Licht „auffrisst“. Somit ist die Frage noch immer nicht beantwortet, warum aus der schwarzen Aufschrift „Polizei“ auf Patrouillenfahrzeugen plötzlich eine silberhell leuchtende Aufschrift entsteht.

Ideen muss man haben

Weltweit bekannte Folienhersteller wie 3M (Scotchlite ®) kamen vor einiger Zeit auf die verrückte Idee, Glas oder Acrylperlen in eine Zwischenschicht unter die schwarze Deckfarbe zu applizieren. Zusätzlich befindet sich direkt unter den Glaskügelchen eine silberne Reflektionsschicht. Man könnte nun davon ausgehen, dass das eingestrahlte Licht nach wie vor von der dominierenden schwarzen Deckfarbe geschluckt würde. Dem wäre auch so, wenn die „Folienkünstler“ nicht gleichzeitig eine mikroskopisch poröse Deckfarbe schwarz entwickelt hätten.

Das weisse Licht trifft also noch immer auf die vermeintlich kompakte schwarze Oberfläche, dringt jedoch in winzigen Lichtstrahlen durch diese hindurch und begegnet nun den Glaskügelchen. Diese Glaskügelchen bündeln das einfallende Licht, geben es an die darunterliegende Reflektionsschicht weiter, von dort wird es wiederum in die Glaskügelchen – oder Acrylperlen – zurückgeworfen, erfährt eine nochmalige, zusätzliche Bündelung (oder Fokussierung), wodurch dieses mehrfach verstärkte Einstrahlungslicht von der Rückseite her die poröse schwarze Farbe durchstrahlt.

Weisses Licht wird also dermassen kräftig zurückgeworfen, dass der Retro-Effekt die schwarze Farbe völlig zum Verschwinden bringt. Die Retroreflektion wirft demzufolge von einer weissen Lichtquelle auf die schwarze Schrift eingestrahltes Licht weiss zurück. So wird aus schwarz weiss – Wahnsinn!

Wenn der Effekt zu wirksam wird

Es existiert noch eine weitere Art von Retro-Reflektionsfolien. Diese Art ist mehrheitlich Signalisationen vorbehalten und enthält als Zwischenschicht keine Glaskügelchen, sondern Prismen. Diese Prismen erlauben einen relativ weiten Einstrahlungswinkel, weil der Retro-Effekt nicht durch einfallendes Licht im +-90°- Bereich beschränkt ist. So reagieren beispielweise sogenannte Überkopf-Signalisationen auch auf Abblendlicht von Autos und Motorrädern. Durch verschiedene Arten von Prismen kann der Einstrahlungsbereich sogar variiert werden.

Bei weissen Signalisationen, wie beispielsweise „Ende einer Geschwindigkeitsbegrenzung“ oder „Ende des Überholverbotes“ musste der Folienhersteller den Retro-Effekt dämpfen, weil tiefstehende Sonneneinstrahlung oder starke Scheinwerfer das Weiss der Signalisationstafeln dermassen grell aufleuchten liessen, dass dadurch die schwarzen Symbole oder Zahlen nicht mehr zu erkennen waren. Nicht ganz in Sinne des Erfinders.

Vorsicht bei privaten Anwendern!

Retroreflektierende Folien werden neu auch als Werbeträger auf Heck-Lastwagenplanen verwendet – aber da haben die Zulassungsbehörden ein gewichtiges Wörtchen mitzureden. Der Retro-Effekt darf keinesfalls für die übrigen Verkehrsteilnehmer irritierend sein, und schon gar nicht die Leuchtkraft von Heck und Seitenmarkierungen überstrahlen. Um phantasievolle „Autoverschönerer“ von der Idee abzubringen, Front- oder Heckspoiler, Seitenflanken oder etwelche grossen Zahlen auf dem Autodach mit besagter (schwarzer) Retro-Folie zu bekleben, sei hier noch angemerkt, dass dies strikt verboten ist.

Nachleuchtende Folien

Inzwischen existiert bezüglich „aktiven“ Folien noch eine Neuheit. Sie nennt sich „Nachleucht-Folie“ Nicht „Nacht“, obwohl die Bezeichnung zutreffen würde, denn sie ist genau dafür entwickelt worden. Diese Folienart, deren genaue Zusammensetzung wir trotz aller Mühe nicht ausfindig machen konnten, besitzt die Eigenschaft, bei plötzlicher Dunkelheit eine bestimmte Zeit nachzuleuchten. Um sie aufzuladen, benötigt sie entweder elektrischen Strom noch Sonnenlicht. Eine normale Tunnelbeleuchtung reicht beispielsweise völlig aus, um die Folie zu aktivieren.

Diese hochqualitative Nachleuchtfolie, die der DIN 67510-1 entspricht, kann für private und alle öffentlichen und baulichen Anwendungen verwendet werden, wie z.B. Kennzeichnung von Fluchtwegen oder Löschhilfen. Eine besonders hohe Anfangshelligkeit nach Abschaltung der Beleuchtung ist gegeben. Der Effekt des Aufladens und Nachleuchtens kann beliebig oft wiederholt werden. Die Folie ist cadmiumfrei und nicht radioaktiv. Mit grosser Wahrscheinlichkeit erfolgt der Nachleuchteffekt durch eine spezielle Pigmentierung und stellt ein streng gehütetes Firmengeheimnis dar (aber Glühwürmchen hüteten auch lange Zeit das Geheimnis der Art und Weise, wie sie ihr helles Licht erzeugen).

Unbedingt sehenswert: pdf-Dateien „Grundlagen“ und „Licht&Farben“ von 3M (Suisse) SA
 


Die deutsche Polizei verwendet aus gesetzlichen Gründen andersfarbige Rundum-Tageslicht-Leuchtfolien als die Schweiz.


Ebenfalls retroreflektierend sind die weisse Schrift und die weissen Markierungen. Die grüne Farbe jedoch nicht.


Hier ist der Retro-Effekt trotz Tageslicht deutlich erkennbar.


Auch Strassensignalisationen sind heute mehrheitlich in retroreflektierenden Klebefolien (nicht aufgespritzt) ausgeführt.

 


Ein ganz normales Polizeifahrzeug mit schwarzer Beschriftung. Aber die schwarze Seitenschrift birgt ein Geheimnis.


Trifft Fremdlicht auf die schwarze Schrift, leuchtet sie grellsilbern auf!


Aus Irritationsgründen für nachfolgende Verkehrsteilnehmer sind bei Heckbezeichnungen die Aufschriften teilweise nicht reflektierend.


Hier ist die Bezeichnung „Police“ retroreflektierend, jedoch in weiss in der roten Tageslicht-Leuchtfolie integriert.


Schwarz ist also nur vermeintlich schwarz.


Da bitte!


Helles grellsilbernes Aufleuchten erfolgt erst bei direkter Fremdlichteinstrahlung.

Bilder: Marty-Systemtechnik AG, Neuhausen am Rheinfall / BMW Schweiz / Baumeister & Trabandt GmbH DE / Skoda Schweiz / Ruedi Baumann

 

 


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